Montag, 26. April 2010

Arbeit

Immer wieder diese Entscheidungen: wie arbeiten, wann arbeiten, wo arbeiten. Eigentlich ist dieses Jahr eine Auszeit davon. Allerdings macht das Geld nicht mit. Gut ist, dass ich dennoch zum Schreiben komme und somit das Jahr seinen Sinn macht. Jetzt muss nur wieder ein wenig Geld in die Kassen, dann kann es weitergehen. Habe mich nun für einen Produktionsjob entschieden. Harte körperliche Arbeit, dem geistigen Output entgegensetzen, scheint mir das Richtige zu sein. Außerdem habe ich keine Lust auf dieses 400 Euro-Gepfriemel. Damit komme ich nicht weit. Nicht weit genug.

Sonntag, 25. April 2010

Edeka

Ihr Brustkorb hebt sich, bläht sich energisch, während sie den Ärmel zur Seite streicht, auf die Uhr schaut, begreift, es ist noch so viel Zeit vor ihr, bis die Regale voll sind, sie müden Fußes den Edeka verlassen darf, um auf der Couch zum zweiten Mal Gekochtes zu essen. Entnervt, enttäuscht und resigniert fällt die Brust in ihren Körper, knallt der Arm auf ihre Hüfte. Sie schaut sich um, keiner hat’s gesehen, ihr Unmut bleibt Geheimnis und wie zum Trotz greift sie wieder in die Kiste, packt nun doppelt schnell den Kaffee ins Regal. Vielleicht lässt sich Zeit mit Hetze überlisten, denkt sie und hofft auf den rechtzeitigen Feierabend. Die Lieblingsserie muss heute sein, wehe der Chef will nach Ladenschluss noch in sie rein. Dieser schmierige Halunke soll die Finger in seine Kasse einklemmen und lieber mit der neuen Käsethekenfrau pennen. Ach, Zeit könnte man auch überlisten, indem man Geschichten zwischen den Kisten spinnt, denkt sie und träumt sich in Trance.

Mittwoch, 3. März 2010

Darf man sein Leben selbst beenden?

Ja, ich denke schon und würde es nicht verurteilen. Man muss sich in den Kopf desjenigen versetzen, der keinen anderen Ausweg mehr sieht. Es ist eine traurige und schmerzhafte Option, sowohl für die Angehörigen aber ganz besonders für den Betroffenen. Deswegen ist der Begriff „Freitod“ auch irreführend. Sein Leben zu beenden, ist keine Freiheitsentscheidung sondern so etwas wie Selbstresignation. Dabei ist der freie Wille stark eingeschränkt, z. B. durch Depressionen oder extreme Lebensverhältnisse. Der Suizid setzt dann das Ende eines langen Leidensweges und geschieht aus tiefgreifender Verzweiflung am Leben und ist daher keine wirklich „freie“ Entscheidung. Deswegen kann man diesen Schritt niemandem absprechen.

(Interviewantwort, 2007)

Sterbeblüte

Manchem Menschen, der unserem Herzen einst unablösbar schien
Hand in Hand im Gedanken und Gefühl stetig mit uns ging
wie unsere zweite schönste Haut demselben Einfluss ausgesetzt
mit dem uns gemeinsamen offenen Geist und wildem Aug’ benetzt

so haben wir uns getroffen – einst vor langer Zeit
so wurden wir an uns besoffen – einst vor langer Zeit
die Möglichkeit der Dürre, des Überdrusses, des Verblühens
stand außerhalb des denkbar Möglichen

Die mich speisende Oase in deinen Augen, heut’ ein müdes trocknes Tal
Worte sind nun nicht mehr Verbund, sondern zeigen Grenzen – ermüdende Qual
Wir hatten eine gemeinsame Zeit der Blüte, die uns verband
Doch die Wege, die wir bemühten, führten nicht zurück ins alte Land

Nun bist du der Herbst und ich der Frühling,
wirst du wieder blühen, werde ich sterben,
weil mein Blühen wieder sprießt, siehst du bald den Tod,
Doch, du wiegst dich noch in der Blüte,
denkst – da spricht er Trauriges, der Verblühte.

Es trennen uns nun zwei Jahreszeiten
Unauflösbar fern, was einst unablösbar nah
Je mehr wir begannen uns zu entgleiten
wurde mir das Sterben zum Leben und ich sah:
Das Gemeinsame ist nur eine Frage von Lebenszeiten


(18.05.2009)

Abgründe

Die Abgründe des Menschen sind dunkel.
Sind die Abgründe des Menschen dunkel?

Meine inneren Abgründe sind hell.
Man will sie mir daher rauben.

Manche Menschen stürzen sich in meine Abgründe
und werden Licht.

Lähmen, stehlen, nehmen mir das Gleichgewicht.
Hell und dunkel vertauschen sich
Springen von einer Person zur anderen
Suchen einen neuen Ort
- ein anderes Leben fängt an


(16.08.07)

TELEKOMmunikation

Letztens. Ein Telekom-Mitarbeiter ruft mich an.
Er möchte mir eine Website schenken. Natürlich
kostenlos das Ganze und ohne Haken. Nur Vorteile.
Klar!

Um mir diese Internetseite schmackhaft zu
machen, fragt er mich, was ich in meiner
Freizeit mache. Natürlich zielt diese Frage
darauf ab, mir dann sagen zu können: sehen sie, dass
können sie wunderbar auf ihrer Webseite zur Schau stellen.

Er: Was machen sie denn so in ihrer Freizeit?
Ich: Schreiben.
Er: Wie schreiben? (--- Pause--- ) Hä, einen Roman, oder was?
Ich: Genau den.
Er: Ach was, sie wollen mich jetzt verarschen!? (sic!)
Ich: Nö, is so.
Er: Hm, das glaube ich ihnen nicht.
Ich: Dann lassen sie es halt. Sehen sie, so geht es mir
mit ihrem Angebot auch, das glaube ich ihnen nicht.
Er: Das stimmt aber. Es ist ein super Angebot.
Ich: Es stimmt aber. Ich schreibe wirklich.
Er: Hm, sind sie wirklich der Herr Hansen?
Ich: (lacht) höchstpersönlich
Er: Okay, was machen sie denn sonst so in ihrer
Freizeit
Ich: (lacht) Ach wissen sie, ich habe mir gerade überlegt,
dass ich überhaupt nicht wüsste, was ich mit einer Webseite
machen sollte, hab da keine Ideen.
Er: Deshalb frage ich sie ja, was sie in ihrer Freizeit
so anfangen!
Ich: Ja, schreiben. Aber ich will trotzdem keine
Homepage.
Er: Ja gut, dann kann man nichts machen, dann nehme
ich sie da raus!
Ich: Hä?
Er: Naja, wir melden uns dann einfach wieder, wenn wir ein
attraktiveres Geschenk für sie haben.
Ich: (lacht) Bin gespannt!!!
Er: Dann schreiben sie schön ihre Lektüre!
Ich: Wird gemacht! (denkt: hä, Lektüre schreiben? What? Naja, Telekom eben…)
Er: Tschüß
Ich: Ciao

(Feb. 2008)

...

Seine Knie zittern, er zieht nervös an seiner Zigarette, geht ein paar Schritte auf, ein paar weniger ab. Eigentlich wollte er nicht rauchen, denn sie raucht nicht, aber manchmal greift die Hand von selbst in die Jackentasche und findet das Feuerzeug, um die schon längst im Mundwinkel hängende Kippe zu entzünden, denkt er. Gleich wird sie um die Ecke kommen und seine Nervosität mit ihrer Anwesenheit wohl kaum mindern.

Flüchtig kennen sie sich schon ein Jahr. „Seit drei Wochen jedoch sind wir nicht mehr aneinander vorbeigekommen. Unsere Wege kreuzten sich ständig und überall. Immer wenn ich an die Uni kam, traf ich dich“, resümiert er. Anfangs war das nur eine Begleiterscheinung des Alltags, doch schnell wurde daraus ein spannendes Spiel. Immer lief er mit offenen Augen durch die Strassen und Gebäude und wartete darauf sie zu entdecken. Denn getroffen haben sie sich immer, warum weiß er nicht.

Lebenswert ist, im Bus zu sitzen und dich unverhofft zu erblicken und zu bemerken, dass du aus irgendeinem Grund lächelst. Lebenswert ist, mit dir täglich über das Wetter zu reden und festzustellen, ohne dass Langeweile aufkommt. Lebenswert ist, dann aus deinem Mund zu hören: „Das „Wetterthema“ sollten wir uns für später einmal aufheben, wenn wir alt sind und uns nichts mehr zu sagen haben.“

Einerseits möchte er sie sehen und freut sich darauf sie gleich zu begrüßen. Anderseits kann verliebt sein oder sich verlieben auch so anstrengend sein, dass er lieber in sein vorheriges Leben zurückkehren würde. Doch träte er nun die Flucht an, wäre schon vorher klar, dass sie aus irgendeinem Zufall ausgerechnet aus dieser Richtung käme, in die er flüchten wollte und die beiden zwangsweise zusammenprallen würden, denn wenn es Liebe ist, kommt man nicht daran vorbei.

Oder aber, er stürzt, schlägt auf den Asphalt auf, während das Auto Fahrerflucht begeht und ihn einsam auf der kalten Straße dem Verbluten überlässt. Sie wundert sich, warum er ihr nicht mehr über den Weg läuft und ist traurig darüber.

(Jan. 2008)

Der Bulbul

Heute lag ein Brief in meinem Briefkasten.
Ein großer Brief.
Ein bunter Brief. Den Umschlag hatte jemand, der seinen
Namen nicht angab, selbstgebastelt. Er war aus alten
chinesischen Werbeanzeigen gefertigt, die mit starkem
Paketklebeband verbunden wurden.
Auf der Rückseite saß eine Frau mit Sonnenbrille, deren
Gesicht sich nur unterhalb der Brille aus dem schwarzen
Hintergrund abhob.
Ihr Gesicht, ihre ordentlich ausrasierte Achsel und ihr Arm,
der als Verlängerung der Achsel hervorwuchs, bildeten
ein halbes T. Die Frau bestand nur aus diesem halben T, alle
anderen Körperteile wurden von dem Schwarz aufgesogen,
das sie umgab.

Auf der Vorderseite des Umschlags klebte eine chinesische
Briefmarke, auf der ein chinesischer Vogel saß. Sein englischer
Name “Red-whiskered Bulbul”, ließ mich lächeln. Gerne hätte
ich einmal einen Brief von einem Bulbul bekommen.
Auf dem selbstgebastelten Umschlag hatte man chinesische
Schriftzeichen gekritzelt. Diese verrieten aber nichts über den
Absender.

Der Absender war ohnehin klar. Es war mir auch bewusst, dass
ich mit dem Öffnen des Briefes eventuell warten sollte, um mir
erstmal genüsslich vorzustellen, was darin stehen könnte.
Gerne hätte ich den Brief aufgerissen und darin Zeilen gefunden
wie: “Wenn ich bald zurück bin, dann möchte ich dich sehen,
möchte dich küssen und dir versprechen, bei dir zu bleiben.“

Ich sagte mir: das glaubst du doch selbst nicht - schön wär´s,
riss den Brief auf und eine belanglose, nüchterne Karte sprang
mir entgegen. Sie bedankte sich für ein Geschenk, das ich vor
langer Zeit abgeschickt hatte. Ferner las ich die Ankündigung,
sie wolle mir dieser Tage einmal ausführlicher schreiben.
Na ja, das hatte sie mir schon vor einem Monat geschrieben,
also nehme ich an dieses “dieser Tage” bedeutet entweder
irgendwann oder nie.
Da warte ich doch lieber auf eine Karte des kleinen Bulbuls.

(Nov. 2007)

...

Der letzte Schicksalsschlag, den er erdulden musste, war objektiv gesehen wohl der härteste. „Allerdings nivelliert sich das Ausmaß
des einen in Bezug auf die anderen Schicksalsschläge“, erwiderte
er auf die Frage, wie man damit klar käme.
Ich dachte, Schicksalsschläge würden in der Addition immer unerträglicher, jedoch macht wohl die Summe an Schicksalen
das einzeln für sich stehende Schicksalserleben erträglicher.
Woran liegt das?
Möglicherweise wird die Tragik des Unglücks durch die Gewohnheit
an das unerwartete Schlimme ein wenig gemildert.

(Nov. 2007)

Das unzähmbare Leben

Man kann das Leben nicht planen, denn es kommt eh immer anders als man annimmt, plant oder hofft. Deswegen gleicht das menschliche Handeln immer nur einem Versuch. Das Leben ist das Experiment eines jeglichen Menschen, das sich grundsätzlich zu verselbstständigen droht. Oder gar immer schon eine Verselbstständigung ist.

Niemand lebt sein Leben, so wie er es plant. Nichts geschieht exakt nach unserer Vorstellung oder gerät nach unseren Wünschen. - Nichts. Warum verschwendet der Mensch dann aber soviel Energie dafür, Pläne auszuklügeln und Vorbereitungen für bestimmte, gar nicht vorhersehbare Situationen zu treffen. Müsste er nicht aus seiner Erfahrung heraus, schon im Kindesalter gelernt haben, dass sich um eine reine Sinnlosigkeit handelt, das Leben in den Grenzen seiner Willenskraft und Vorstellung einsperren zu wollen. Es wird diese Grenzen immer überschreiten.

Der Mensch ist ohnmächtig gegenüber seinem eigenen Leben. Er hängt daran wie eine Marionette an den Fäden ihres Schöpfers. Es grenzt an eine eigenwillige Dummheit sich zu irgendeinem Zeitpunkt als voll handlungsfähig anzusehen. Der Mensch kann nur das Maximum seiner Selbstbestimmtheit ausschöpfen. Das bedeutet, dass er nie vollkommen frei und vollkommen handlungsfähig ist. Denn das Leben erweist sich zu oft als unberechenbare Variable und wirft alles Geplante durcheinander, absorbiert Möglichkeiten, um an anderer Stelle neue Wege auszuspucken.

Frei kann der Mensch nur sein, wenn er die eigene Handlungsbegrenztheit akzeptiert.

(Feb. 2008)

Die fesselnde Qual Thomas Bernhard: Frost, Das Kalkwerk, Der Untergeher, Holzfällen, Wittgensteins Neffe, Der Keller, Amras

Mein erster Lesekontakt mit Thomas Bernhard war eine große Qual. Ich wusste nicht, was ich mit dem Geschriebenen anfangen sollte und noch weniger wusste ich, was das Geschriebene mit mir anfängt. Denn es schaffte nicht, mich zu verzaubern, aber es schaffte sehr wohl mich quälend zu fesseln, dass ich das Buch nicht zur Seite legen konnte, auch wenn ich es wollte. Woran liegt es, dass man Bernhard als Qual empfindet, das Lesen aber trotzdem nicht abbricht?

Vielleicht war es genau diese Frage, die mich weiter lesen ließ. Möglicherweise war ich auf der Suche nach einem Grund dafür, die Lektüre abbrechen zu können und verstrickte mich dabei immer mehr in das Weiterlesen.

Wenn man einen Roman in die Hand nimmt, dann wünscht man sich eine große Geschichte. Man möchte sich auf eine Reise begeben und eine ereignisreiche Handlung vor sich haben. Bei Bernhard passiert nichts, außer dass jemand im Ohrensessel rumlümmelt, Alkohol trinkt, sich zum Tisch begibt und am Ende auf die Strasse rennt. Das ist alles, was an Handlung vorkommt.

Alles andere sind meterhohe Gedankenkonstrukte, die der Protagonist uns aufzwingt, insbesondere seine ganz spezielle, alles verneinende Weltanschauung oder Wienanschauung. Diese subjektive Weltanschauung muss man nicht teilen, man könnte sie auch widerlegen, man könnte ihr ebenso Bravi zurufen oder darüber lächeln, auch anerkennend schmunzeln – eines kann man allerdings nicht – an Bernhards Gedankentürmen und Hasstiraden vorbeikommen, weil sie quälend lang und die Seiten der Romane füllen.

Natürlich habe ich die Romane nun auf das Einfachste herunter gebrochen und natürlich steckt in allem auch viel Erhellendes, aber ich rede noch immer von meinem ersten Lesekontakt und dazu muss ich sagen: man kann nicht immer sofort das Schöne in dem entdecken, was einen quält?

Der zweite Roman, den ich las, war Frost. Dabei steigerte sich die Qual ins Unermessliche, da ich in ihm dieselbe Methodik und Schreibweise erkannte wie in Holzfällen, auch wenn die Hauptfiguren hier für Bernhardsche Verhältnisse enorm viel unterwegs sind. Bernhard kreist immer wieder um einzelne Worte, die meist auch kursiv gedruckt sind und schickt den Leser auf eine hoch qualitative Sprach- und Gedankenreise.

Mein Interesse war geweckt und ich wollte wissen, ob wirklich jeder Roman im Aufbau und in der Methode, dem andern gleicht, weshalb ich schnell zum Kalkwerk griff. Und wieder fand ich das nun schon Gewohnte vor. Einerseits langweilte mich dieses Schreibkonzept und die fehlende Variation machte das Lesen auch weiterhin nicht zum Hochgenuss.

Doch immer wieder faszinierte mich an Bernhards Stil, die Art und Weise, wie er in mir Gefühle weckt und nicht selten, dachte ich, nun bin ich ihm aber wieder auf den Leim gegangen.
Das Schlüsselerlebnis war für mich die Antibeziehung des Ehepaares im Kalkwerk. Zunächst hasste ich Konrad dafür, wie er seine behinderte Frau zu Studienzwecken missbraucht, dann schlug der Hass um und richtete sich gegen seine Frau, die sich über ihn lustig macht und ihn bei jeder Gelegenheit zu nutzlosen Taten zwingt, wie schluckweise Most aus dem Keller zu holen. Am Ende richtete sich meine Aggression gegen das Ehepaar und ihr schreckliches Zusammenleben.

Solche Emotionen habe ich noch nie beim Lesen verspürt und sie sind der Grund, warum ich Bernhard weiter gelesen habe. Deshalb habe ich ihn nicht weggelegt, weil es mich interessiert hat, wie er in mir Emotionen wecken kann, obwohl ich sehr zurückhaltend an seine Bücher gegangen bin und er nicht zu meinen favorisierten Autoren gehört.

Darüber hinaus lernte ich seit der Bernhardlektüre eine neue Lesart. Um diese Lesart mit einem Begriff festzumachen, wähle ich dafür den Begriff: musikalisches Lesen.

Musikalisches Lesen bedeutet in Bezug auf Bernhards Prosa, dass man sie nicht wie andere Romane lesen kann, sondern dass man einen Bernhardtext wie ein klassisches Musikstück betrachten sollte. Ein Leitthema führt durch das Buch, dieses eingängige Thema erfährt Variationen und Wiederholungen, mal wird das Buch leise, mal laut, an manchen Stellen wird es langsam, an anderen wieder schnell. Das Buch sollte demnach nicht von vorne nach hinten gelesen werden, sondern von oben nach unten. Die verschiedenen Stimmen machen den Klang der Bernhardschen Prosa. Jede Erzählebene ist wichtig, weil die Romane diesen musikalischen Aufbau haben.

Diese musikalische Lesart fordert auch nicht in erster Linie, dass man die Texte bis in das kleinste Detail verstanden haben muss, sondern es kommt auf eben jene Emotionen an, die auch in der Musik die größte Rolle spielen. Man hört sich eine Sinfonie an, um etwas dabei zu fühlen und nicht um sie bis auf die allerkleinste Assonanz zu verstehen.

Bernhard lesen ist wie Musik hören. Wenn man etwas dabei fühlt, dann hat man schon viel verstanden.

(10.02.06)

Susanne Heinrich: Die Andere

Marion ist nach Paris geflüchtet, sie will damit ihrer gescheiterten Beziehung aus dem Weg gehen. Luna lebt in Paris, um ihre große Liebe Viktor wiederzufinden, der sie noch immer nachhängt. Beide Frauen treffen sich durch einen Zufall, nachdem sie sich sechs Jahre nicht gesehen haben. Die gemeinsame Vergangenheit verbindet sie, wirft aber auch Schatten auf ihr Verhältnis. Dennoch gerät die sonst rationale Marion in einen Strudel der Faszination für Luna und ermöglicht ihr, Viktor zu treffen, obwohl sie ahnt, dass dieses Wiedersehen kein glückliches Ende nehmen kann.

Der Roman entwirft in einer schönen teilweise sehr poetischen Sprache ein kühles Portrait zweier Konzeptionen von Liebe. Marion reflektiert betont nüchtern ihre gescheiterten Beziehungen und sieht einen zerstörerischen Fehler darin, dass Paare ihre meist durchschnittliche Liaison zu etwas unvergleichbar Besonderem hochstilisieren.
Luna hingegen liebt absolut. Sie hat Viktor lange, schmerzhafte sechs Jahre nicht gesehen, ist sich ihren unverwüstlichen Gefühlen aber so sicher, dass sie romantisch auf ihn wartet, obwohl sie nicht weiß, ob sie ihn jemals wiedersehen wird.

Wenn man nun aber kein Freund von Liebesromanen ist, dann sollte man dieses Buch erst recht lesen. Denn es entpuppt sich als der Anti-Liebesroman. Die Autorin spielt mit diesem Genre, um neben einer pessimistischen Liebesabhandlung einen Blick auf zwischenmenschliche Abgründe zu werfen.

(Juli 2007)

Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Das größte Gut: einen Tag Andersartigkeit – Die Lagergemeinschaft in Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

In Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus betritt der Leser durch den Blick eines Neuankömmlings, Alexander Pétrowitsch Gorjántschikoff, das Gefangenenlager Ostrógg und wird mit der Lagergemeinschaft vertraut gemacht. Dabei werden systematisch alle Mutmaßungen entkräftet, die man an einen solchen Text heranträgt. Man nimmt an, dass es in einem sibirischen Arbeitslager keine andere Ordnung als die Ordnung der Aufseher gäbe. Dass der Alltag nur aus unmenschlicher Zwangsarbeit besteht und dass die Lagergemeinschaft unter dem Joch der strengen Überwachung keinerlei Möglichkeit besitzt, ein Eigenleben zu entfalten.

Einerseits trifft diese Annahme zu und der Text bestätigt dies auch. Andererseits würde man damit die Lagersituation nur oberflächlich wahrnehmen, denn die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus decken eine zweite Wirklichkeit des sibirischen Gefängnisses auf.

Dostojewski präsentiert ein Abbild des Gesellschaftssystems anhand des Gefängnissystems. Das heißt, einen vom Ganzen ausgeschlossenen, abgegrenzten Teil der Gesellschaft, der aber in sich geschlossen wie das große Ganze funktioniert. Die Vorraussetzung für das Funktionieren dieses kleinen Systems ist der Ausschluss aus der russischen Gesellschaft. Alle Sträflinge werden unter Zwang festgehalten, sie müssen lange Zeit oder sogar für immer, unfreiwillig an diesem Ort, mit diesen Menschen, verweilen. Keiner ist freiwillig im Lager. Dies ist der erste Umstand, der ein Gemeinschaftsgefühl stiftet.

Der zweite Grund, der dieses innere System beflügelt, ist die unmenschliche Zwangsarbeit, die die Sträflinge für das große System (also diejenigen von denen sie, wenn auch zu recht, ausgestoßen wurden) verrichten müssen. Für das Individuum ist diese Arbeit sinnlos, denn sie verschafft ihm keinerlei Nutzen, sie ist eintönig und entmutigend.

„Und darum hatte ein jeder im Ostrógg aus einem ganz natürlichen Bedürfnis und einer Art Selbsterhaltungstrieb seine eigene besondere Beschäftigung, sein eigenes Handwerk.“ (32)
Auf dieser Privatbeschäftigung gründet sich das ganze innere System des Ostróggs.

Die Zielsetzung ist zum einen, dem Lagerleben überhaupt einen Sinn zu geben, in dem man etwas für sich selbst macht. Zum anderen dienen die unterschiedlichen Tätigkeiten, z.B. alle handwerklichen Arbeiten, aber auch Schmuggel und Kapitalleihe, dem Erwerb von Geld, das auch lagerintern das Leben erleichtert.

Dieses System der Lagergemeinschaft hat seine eigenen Gesetze, die nicht die Gesetze von Außen sind, sondern eben die der Häftlinge. Beispielsweise ist eine legitime Möglichkeit des Gelderwerbs das Stehlen. Es erscheint völlig normal, dass derjenige, der Geld oder Sachgüter anhäuft, damit rechnen muss, dass es ihm gestohlen wird. Dies gilt als Lagergesetze, das alle kennen und auf das man sich einstellen muss. Ebenso wird das Anschwärzen von Wucherern beim Unteroffizier vom Erzähler als legitime Verhaltensweise beschrieben, weil sich jeder so verhalten würde.

Die Exekutive der Lagergemeinschaft sind die Unteroffiziere, der Mayor etc. Sie strafen, wen sie beim Schmuggel erwischen, nehmen gespartes Geld ab oder setzen Ordnung, wenn die Lagerordnung mit den Gesetzen der Häftlinge kollidiert.
Zum anderen sorgen die Insassen dafür, dass beispielsweise verbale Auseinandersetzungen nicht in Handgreiflichkeiten ausarten, weil eine Meldung über eine Schlägerei für alle unangenehme Folgen hätte. Das Kollektiv entschärft Einzelkonflikte zum Wohle aller.

Es herrschen im Lager also durchaus keine chaotischen Umstände. Das Lagerleben ist durch diese Regeln strukturierter, als man annimmt.

Es offenbaren sich aber noch weitere Analogien zur freien Gesellschaft außerhalb des Lagers. Es werden, trotz dem erzwungenen Zusammenleben, das heißt der oben beschriebenen Gleichheit als Ausgangspunkt, auch einzelne Personen ausgegrenzt. Das sind vor allem Edelleute, Polen oder Personen, die gegen die Lagerregeln verstoßen. Es gibt also auch eine Gruppenidentität, der manche Häftlinge nicht von Beginn zugeordnet werden.

Alles in allem scheint aber das Gleichheitsgefühl, oder besser das Untergehen des Einzelnen in einer Masse, zu überwiegen. Denn durch die Zwangsintimität, in welche der Häftling durch den Eintritt in das Gefängnis versetzt wird, entzieht man ihm auch ein hohes Maß an Individualität.

Individualität entsteht durch Abgrenzung gegenüber anderen. Die Möglichkeit der Abgrenzung wird dem Sträfling versagt. Einmal weil die Dichte an Personen ein Alleinsein nicht zu Stande kommen lässt und andererseits, weil alle Häftlinge dasselbe Essen, dieselben Kleidungsstücke, Seife etc. bekommen.

Deshalb ist das höchste Gut des Häftlings dieser eine Tag in „Freiheit“, wozu ihm sein in Privatarbeit verdientes Geld verhilft. Es wird beschrieben, dass sich die Häftlinge an diesem Tag für einige Stunden extravagante Klamotten anziehen, sich eine besondere Mahlzeit kochen lassen und genüsslich betrunken durch das ganze Lager schwanken.

Dieser Tag ist die einzige Privatsphäre, die sich der Häftling erarbeiten kann. Es ist das alleinige Genießen eines Tages, eines besonderen Kleidungsstückes, einer persönlich Mahlzeit und das Alleinsein in seiner Betrunkenheit, mit dem er sich für wenige Stunden von der Masse abhebt und für kurze Zeit eine „eigene“ Identität erwirbt.

Dieser Tag stellt die Belohnung für die Zwangsarbeit und die Privatarbeit dar und sorgt für Abwechslung vom Lageralltag und Abstand zu den anderen Häftlingen. Er schafft die Motivation für das Funktionieren des inneren Systems und sorgt dafür, dass die Arbeiter den Alltag überleben, indem er dem Leben der Sträflinge einen Sinn verleiht.

3. Juli 2007

...

Ein junges Mädchen stahl ein Birkengewächs und trug es unter ihrem Bischofshut zu ihrem Bischofssitz. Ihr goldener Bischofsring funkelte bittersüß als sie durch das Birkenholz rannte. Biologisch gesehen, war sie bisexuell, doch sie hatte zu wenig Biss um ihre Bisexualität zu fluoreszieren. Das Flugwetter machte ihre Flucht zu einer Flunder. Feldhüter sprangen über das Feld um die bisexuelle Bischöfin flussabwärts flutschen zu lassen. Fohlen wurden vom Föhn mit einer Flutwelle bestraft. Folgsam folgte folgendermaßen der folgenlose und folgenschwere Fehler, wodurch die folgerichtige Folgerung in der Folgezeit, folglich folgenderweise, gefolgert wurde. Die bisexuelle Bischöfin folgte ihrem Herzschmerz!
Eine Nebelbombe explodierte und der Naturkörper wurde ein Nebelfleck. Der Nebeneierstock kam ins stocken und man erklärte ihn zum Naturschutzgebiet. Das Rücklicht brannte rücksichtslos, weshalb das Mädchen, die Bisexuelle und der Bischof mit einem Rückhandschlag niedergestreckt wurden. Doch das Mädchen hatte eine Rückwärtsversicherung abgeschlossen und entkam in einem Ruderboot. Während ihrem Rückzug erlangte das Mädchen einen Rückruf. Der Schweinigel war dran und streckte seinen Schweinskopf im Schweinsgalopp in die Schweiz. Schwermütig geworden, stolperte das junge Mädchen in den Stollen, dort stoppte es seine Stoppuhr und stellte den Störschutz an. Der Stoßtrupp an Flurhütern kam in die Strafanstalt, wo ihm ein Stoppelbart wuchs. Die Strandwache begann das Strandgut einzusammeln und zog dabei an einem Strang – so geht es am schnellsten – sie strangulierten sich daran, blöder Strang!
Das ist das Ende der Strapaze.

(2005)

Freitag, 20. März 2009

Virtuelles Wasser

Von Virtualität ist in unserer Realität oft die Rede. Wie viel Virtuelles Wasser im Alltag fließt, habe ich bisher allerdings noch nicht gehört.

Zum Weltwassertag am Sonntag, 22. März, weist der >>> World Wide Fund For Nature, besser bekannt in der Abbreviatur WWF, darauf hin, dass der Gesamtwasserkonsum eines Deutschen täglich 4130 Liter beträgt.

4000 Liter davon verbraucht er als sogenanntes Virtuelles Wasser, welches die Menge an Wasser meint, die zur Produktion von Konsumgütern sowie Nahrung benötigt wird. Beispielsweise stecken in einer DinA4-Seite Papier 10 Liter, für die Produktion eines Hamburgers werden 2.400 Liter benötigt und das T-Shirt aus Baumwolle saugt etwa 4.000 Liter Frischwasser während seiner Herstellung auf.

Martin Geiger, Leiter des Bereichs Süßwasser beim WWF Deutschland, sagt: „Die Deutschen haben beim direkten Pro-Kopf-Verbrauch einen sehr guten Durchschnittswert. Zählt man jedoch das Virtuelle Wasser hinzu, schnellt der Fußabdruck eines jeden Bürgers dramatisch nach oben“. Daher muss nicht nur auf den direkten Wasserverbrauch geachtet werden, sondern man solle beim Import von Waren Verantwortung zeigen, indem man auch auf deren Wasserverbrauch bei der Herstellung achte, so Geiger.

Quelle: (ptx)

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