Mittwoch, 3. März 2010

Der Bulbul

Heute lag ein Brief in meinem Briefkasten.
Ein großer Brief.
Ein bunter Brief. Den Umschlag hatte jemand, der seinen
Namen nicht angab, selbstgebastelt. Er war aus alten
chinesischen Werbeanzeigen gefertigt, die mit starkem
Paketklebeband verbunden wurden.
Auf der Rückseite saß eine Frau mit Sonnenbrille, deren
Gesicht sich nur unterhalb der Brille aus dem schwarzen
Hintergrund abhob.
Ihr Gesicht, ihre ordentlich ausrasierte Achsel und ihr Arm,
der als Verlängerung der Achsel hervorwuchs, bildeten
ein halbes T. Die Frau bestand nur aus diesem halben T, alle
anderen Körperteile wurden von dem Schwarz aufgesogen,
das sie umgab.

Auf der Vorderseite des Umschlags klebte eine chinesische
Briefmarke, auf der ein chinesischer Vogel saß. Sein englischer
Name “Red-whiskered Bulbul”, ließ mich lächeln. Gerne hätte
ich einmal einen Brief von einem Bulbul bekommen.
Auf dem selbstgebastelten Umschlag hatte man chinesische
Schriftzeichen gekritzelt. Diese verrieten aber nichts über den
Absender.

Der Absender war ohnehin klar. Es war mir auch bewusst, dass
ich mit dem Öffnen des Briefes eventuell warten sollte, um mir
erstmal genüsslich vorzustellen, was darin stehen könnte.
Gerne hätte ich den Brief aufgerissen und darin Zeilen gefunden
wie: “Wenn ich bald zurück bin, dann möchte ich dich sehen,
möchte dich küssen und dir versprechen, bei dir zu bleiben.“

Ich sagte mir: das glaubst du doch selbst nicht - schön wär´s,
riss den Brief auf und eine belanglose, nüchterne Karte sprang
mir entgegen. Sie bedankte sich für ein Geschenk, das ich vor
langer Zeit abgeschickt hatte. Ferner las ich die Ankündigung,
sie wolle mir dieser Tage einmal ausführlicher schreiben.
Na ja, das hatte sie mir schon vor einem Monat geschrieben,
also nehme ich an dieses “dieser Tage” bedeutet entweder
irgendwann oder nie.
Da warte ich doch lieber auf eine Karte des kleinen Bulbuls.

(Nov. 2007)

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