Textproduktion
Ihr Brustkorb hebt sich, bläht sich energisch, während sie den Ärmel zur Seite streicht, auf die Uhr schaut, begreift, es ist noch so viel Zeit vor ihr, bis die Regale voll sind, sie müden Fußes den Edeka verlassen darf, um auf der Couch zum zweiten Mal Gekochtes zu essen. Entnervt, enttäuscht und resigniert fällt die Brust in ihren Körper, knallt der Arm auf ihre Hüfte. Sie schaut sich um, keiner hat’s gesehen, ihr Unmut bleibt Geheimnis und wie zum Trotz greift sie wieder in die Kiste, packt nun doppelt schnell den Kaffee ins Regal. Vielleicht lässt sich Zeit mit Hetze überlisten, denkt sie und hofft auf den rechtzeitigen Feierabend. Die Lieblingsserie muss heute sein, wehe der Chef will nach Ladenschluss noch in sie rein. Dieser schmierige Halunke soll die Finger in seine Kasse einklemmen und lieber mit der neuen Käsethekenfrau pennen. Ach, Zeit könnte man auch überlisten, indem man Geschichten zwischen den Kisten spinnt, denkt sie und träumt sich in Trance.
penseroso - 25. Apr, 17:34
Manchem Menschen, der unserem Herzen einst unablösbar schien
Hand in Hand im Gedanken und Gefühl stetig mit uns ging
wie unsere zweite schönste Haut demselben Einfluss ausgesetzt
mit dem uns gemeinsamen offenen Geist und wildem Aug’ benetzt
so haben wir uns getroffen – einst vor langer Zeit
so wurden wir an uns besoffen – einst vor langer Zeit
die Möglichkeit der Dürre, des Überdrusses, des Verblühens
stand außerhalb des denkbar Möglichen
Die mich speisende Oase in deinen Augen, heut’ ein müdes trocknes Tal
Worte sind nun nicht mehr Verbund, sondern zeigen Grenzen – ermüdende Qual
Wir hatten eine gemeinsame Zeit der Blüte, die uns verband
Doch die Wege, die wir bemühten, führten nicht zurück ins alte Land
Nun bist du der Herbst und ich der Frühling,
wirst du wieder blühen, werde ich sterben,
weil mein Blühen wieder sprießt, siehst du bald den Tod,
Doch, du wiegst dich noch in der Blüte,
denkst – da spricht er Trauriges, der Verblühte.
Es trennen uns nun zwei Jahreszeiten
Unauflösbar fern, was einst unablösbar nah
Je mehr wir begannen uns zu entgleiten
wurde mir das Sterben zum Leben und ich sah:
Das Gemeinsame ist nur eine Frage von Lebenszeiten
(18.05.2009)
penseroso - 3. Mär, 10:32
Die Abgründe des Menschen sind dunkel.
Sind die Abgründe des Menschen dunkel?
Meine inneren Abgründe sind hell.
Man will sie mir daher rauben.
Manche Menschen stürzen sich in meine Abgründe
und werden Licht.
Lähmen, stehlen, nehmen mir das Gleichgewicht.
Hell und dunkel vertauschen sich
Springen von einer Person zur anderen
Suchen einen neuen Ort
- ein anderes Leben fängt an
(16.08.07)
penseroso - 3. Mär, 10:27
Letztens. Ein Telekom-Mitarbeiter ruft mich an.
Er möchte mir eine Website schenken. Natürlich
kostenlos das Ganze und ohne Haken. Nur Vorteile.
Klar!
Um mir diese Internetseite schmackhaft zu
machen, fragt er mich, was ich in meiner
Freizeit mache. Natürlich zielt diese Frage
darauf ab, mir dann sagen zu können: sehen sie, dass
können sie wunderbar auf ihrer Webseite zur Schau stellen.
Er: Was machen sie denn so in ihrer Freizeit?
Ich: Schreiben.
Er: Wie schreiben? (--- Pause--- ) Hä, einen Roman, oder was?
Ich: Genau den.
Er: Ach was, sie wollen mich jetzt verarschen!? (sic!)
Ich: Nö, is so.
Er: Hm, das glaube ich ihnen nicht.
Ich: Dann lassen sie es halt. Sehen sie, so geht es mir
mit ihrem Angebot auch, das glaube ich ihnen nicht.
Er: Das stimmt aber. Es ist ein super Angebot.
Ich: Es stimmt aber. Ich schreibe wirklich.
Er: Hm, sind sie wirklich der Herr Hansen?
Ich: (lacht) höchstpersönlich
Er: Okay, was machen sie denn sonst so in ihrer
Freizeit
Ich: (lacht) Ach wissen sie, ich habe mir gerade überlegt,
dass ich überhaupt nicht wüsste, was ich mit einer Webseite
machen sollte, hab da keine Ideen.
Er: Deshalb frage ich sie ja, was sie in ihrer Freizeit
so anfangen!
Ich: Ja, schreiben. Aber ich will trotzdem keine
Homepage.
Er: Ja gut, dann kann man nichts machen, dann nehme
ich sie da raus!
Ich: Hä?
Er: Naja, wir melden uns dann einfach wieder, wenn wir ein
attraktiveres Geschenk für sie haben.
Ich: (lacht) Bin gespannt!!!
Er: Dann schreiben sie schön ihre Lektüre!
Ich: Wird gemacht! (denkt: hä, Lektüre schreiben? What? Naja, Telekom eben…)
Er: Tschüß
Ich: Ciao
(Feb. 2008)
penseroso - 3. Mär, 10:21
Seine Knie zittern, er zieht nervös an seiner Zigarette, geht ein paar Schritte auf, ein paar weniger ab. Eigentlich wollte er nicht rauchen, denn sie raucht nicht, aber manchmal greift die Hand von selbst in die Jackentasche und findet das Feuerzeug, um die schon längst im Mundwinkel hängende Kippe zu entzünden, denkt er. Gleich wird sie um die Ecke kommen und seine Nervosität mit ihrer Anwesenheit wohl kaum mindern.
Flüchtig kennen sie sich schon ein Jahr. „Seit drei Wochen jedoch sind wir nicht mehr aneinander vorbeigekommen. Unsere Wege kreuzten sich ständig und überall. Immer wenn ich an die Uni kam, traf ich dich“, resümiert er. Anfangs war das nur eine Begleiterscheinung des Alltags, doch schnell wurde daraus ein spannendes Spiel. Immer lief er mit offenen Augen durch die Strassen und Gebäude und wartete darauf sie zu entdecken. Denn getroffen haben sie sich immer, warum weiß er nicht.
Lebenswert ist, im Bus zu sitzen und dich unverhofft zu erblicken und zu bemerken, dass du aus irgendeinem Grund lächelst. Lebenswert ist, mit dir täglich über das Wetter zu reden und festzustellen, ohne dass Langeweile aufkommt. Lebenswert ist, dann aus deinem Mund zu hören: „Das „Wetterthema“ sollten wir uns für später einmal aufheben, wenn wir alt sind und uns nichts mehr zu sagen haben.“
Einerseits möchte er sie sehen und freut sich darauf sie gleich zu begrüßen. Anderseits kann verliebt sein oder sich verlieben auch so anstrengend sein, dass er lieber in sein vorheriges Leben zurückkehren würde. Doch träte er nun die Flucht an, wäre schon vorher klar, dass sie aus irgendeinem Zufall ausgerechnet aus dieser Richtung käme, in die er flüchten wollte und die beiden zwangsweise zusammenprallen würden, denn wenn es Liebe ist, kommt man nicht daran vorbei.
Oder aber, er stürzt, schlägt auf den Asphalt auf, während das Auto Fahrerflucht begeht und ihn einsam auf der kalten Straße dem Verbluten überlässt. Sie wundert sich, warum er ihr nicht mehr über den Weg läuft und ist traurig darüber.
(Jan. 2008)
penseroso - 3. Mär, 10:20
Heute lag ein Brief in meinem Briefkasten.
Ein großer Brief.
Ein bunter Brief. Den Umschlag hatte jemand, der seinen
Namen nicht angab, selbstgebastelt. Er war aus alten
chinesischen Werbeanzeigen gefertigt, die mit starkem
Paketklebeband verbunden wurden.
Auf der Rückseite saß eine Frau mit Sonnenbrille, deren
Gesicht sich nur unterhalb der Brille aus dem schwarzen
Hintergrund abhob.
Ihr Gesicht, ihre ordentlich ausrasierte Achsel und ihr Arm,
der als Verlängerung der Achsel hervorwuchs, bildeten
ein halbes T. Die Frau bestand nur aus diesem halben T, alle
anderen Körperteile wurden von dem Schwarz aufgesogen,
das sie umgab.
Auf der Vorderseite des Umschlags klebte eine chinesische
Briefmarke, auf der ein chinesischer Vogel saß. Sein englischer
Name “Red-whiskered Bulbul”, ließ mich lächeln. Gerne hätte
ich einmal einen Brief von einem Bulbul bekommen.
Auf dem selbstgebastelten Umschlag hatte man chinesische
Schriftzeichen gekritzelt. Diese verrieten aber nichts über den
Absender.
Der Absender war ohnehin klar. Es war mir auch bewusst, dass
ich mit dem Öffnen des Briefes eventuell warten sollte, um mir
erstmal genüsslich vorzustellen, was darin stehen könnte.
Gerne hätte ich den Brief aufgerissen und darin Zeilen gefunden
wie: “Wenn ich bald zurück bin, dann möchte ich dich sehen,
möchte dich küssen und dir versprechen, bei dir zu bleiben.“
Ich sagte mir: das glaubst du doch selbst nicht - schön wär´s,
riss den Brief auf und eine belanglose, nüchterne Karte sprang
mir entgegen. Sie bedankte sich für ein Geschenk, das ich vor
langer Zeit abgeschickt hatte. Ferner las ich die Ankündigung,
sie wolle mir dieser Tage einmal ausführlicher schreiben.
Na ja, das hatte sie mir schon vor einem Monat geschrieben,
also nehme ich an dieses “dieser Tage” bedeutet entweder
irgendwann oder nie.
Da warte ich doch lieber auf eine Karte des kleinen Bulbuls.
(Nov. 2007)
penseroso - 3. Mär, 10:18
Ein junges Mädchen stahl ein Birkengewächs und trug es unter ihrem Bischofshut zu ihrem Bischofssitz. Ihr goldener Bischofsring funkelte bittersüß als sie durch das Birkenholz rannte. Biologisch gesehen, war sie bisexuell, doch sie hatte zu wenig Biss um ihre Bisexualität zu fluoreszieren. Das Flugwetter machte ihre Flucht zu einer Flunder. Feldhüter sprangen über das Feld um die bisexuelle Bischöfin flussabwärts flutschen zu lassen. Fohlen wurden vom Föhn mit einer Flutwelle bestraft. Folgsam folgte folgendermaßen der folgenlose und folgenschwere Fehler, wodurch die folgerichtige Folgerung in der Folgezeit, folglich folgenderweise, gefolgert wurde. Die bisexuelle Bischöfin folgte ihrem Herzschmerz!
Eine Nebelbombe explodierte und der Naturkörper wurde ein Nebelfleck. Der Nebeneierstock kam ins stocken und man erklärte ihn zum Naturschutzgebiet. Das Rücklicht brannte rücksichtslos, weshalb das Mädchen, die Bisexuelle und der Bischof mit einem Rückhandschlag niedergestreckt wurden. Doch das Mädchen hatte eine Rückwärtsversicherung abgeschlossen und entkam in einem Ruderboot. Während ihrem Rückzug erlangte das Mädchen einen Rückruf. Der Schweinigel war dran und streckte seinen Schweinskopf im Schweinsgalopp in die Schweiz. Schwermütig geworden, stolperte das junge Mädchen in den Stollen, dort stoppte es seine Stoppuhr und stellte den Störschutz an. Der Stoßtrupp an Flurhütern kam in die Strafanstalt, wo ihm ein Stoppelbart wuchs. Die Strandwache begann das Strandgut einzusammeln und zog dabei an einem Strang – so geht es am schnellsten – sie strangulierten sich daran, blöder Strang!
Das ist das Ende der Strapaze.
(2005)
penseroso - 3. Mär, 09:57