Mittwoch, 3. März 2010

Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Das größte Gut: einen Tag Andersartigkeit – Die Lagergemeinschaft in Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

In Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus betritt der Leser durch den Blick eines Neuankömmlings, Alexander Pétrowitsch Gorjántschikoff, das Gefangenenlager Ostrógg und wird mit der Lagergemeinschaft vertraut gemacht. Dabei werden systematisch alle Mutmaßungen entkräftet, die man an einen solchen Text heranträgt. Man nimmt an, dass es in einem sibirischen Arbeitslager keine andere Ordnung als die Ordnung der Aufseher gäbe. Dass der Alltag nur aus unmenschlicher Zwangsarbeit besteht und dass die Lagergemeinschaft unter dem Joch der strengen Überwachung keinerlei Möglichkeit besitzt, ein Eigenleben zu entfalten.

Einerseits trifft diese Annahme zu und der Text bestätigt dies auch. Andererseits würde man damit die Lagersituation nur oberflächlich wahrnehmen, denn die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus decken eine zweite Wirklichkeit des sibirischen Gefängnisses auf.

Dostojewski präsentiert ein Abbild des Gesellschaftssystems anhand des Gefängnissystems. Das heißt, einen vom Ganzen ausgeschlossenen, abgegrenzten Teil der Gesellschaft, der aber in sich geschlossen wie das große Ganze funktioniert. Die Vorraussetzung für das Funktionieren dieses kleinen Systems ist der Ausschluss aus der russischen Gesellschaft. Alle Sträflinge werden unter Zwang festgehalten, sie müssen lange Zeit oder sogar für immer, unfreiwillig an diesem Ort, mit diesen Menschen, verweilen. Keiner ist freiwillig im Lager. Dies ist der erste Umstand, der ein Gemeinschaftsgefühl stiftet.

Der zweite Grund, der dieses innere System beflügelt, ist die unmenschliche Zwangsarbeit, die die Sträflinge für das große System (also diejenigen von denen sie, wenn auch zu recht, ausgestoßen wurden) verrichten müssen. Für das Individuum ist diese Arbeit sinnlos, denn sie verschafft ihm keinerlei Nutzen, sie ist eintönig und entmutigend.

„Und darum hatte ein jeder im Ostrógg aus einem ganz natürlichen Bedürfnis und einer Art Selbsterhaltungstrieb seine eigene besondere Beschäftigung, sein eigenes Handwerk.“ (32)
Auf dieser Privatbeschäftigung gründet sich das ganze innere System des Ostróggs.

Die Zielsetzung ist zum einen, dem Lagerleben überhaupt einen Sinn zu geben, in dem man etwas für sich selbst macht. Zum anderen dienen die unterschiedlichen Tätigkeiten, z.B. alle handwerklichen Arbeiten, aber auch Schmuggel und Kapitalleihe, dem Erwerb von Geld, das auch lagerintern das Leben erleichtert.

Dieses System der Lagergemeinschaft hat seine eigenen Gesetze, die nicht die Gesetze von Außen sind, sondern eben die der Häftlinge. Beispielsweise ist eine legitime Möglichkeit des Gelderwerbs das Stehlen. Es erscheint völlig normal, dass derjenige, der Geld oder Sachgüter anhäuft, damit rechnen muss, dass es ihm gestohlen wird. Dies gilt als Lagergesetze, das alle kennen und auf das man sich einstellen muss. Ebenso wird das Anschwärzen von Wucherern beim Unteroffizier vom Erzähler als legitime Verhaltensweise beschrieben, weil sich jeder so verhalten würde.

Die Exekutive der Lagergemeinschaft sind die Unteroffiziere, der Mayor etc. Sie strafen, wen sie beim Schmuggel erwischen, nehmen gespartes Geld ab oder setzen Ordnung, wenn die Lagerordnung mit den Gesetzen der Häftlinge kollidiert.
Zum anderen sorgen die Insassen dafür, dass beispielsweise verbale Auseinandersetzungen nicht in Handgreiflichkeiten ausarten, weil eine Meldung über eine Schlägerei für alle unangenehme Folgen hätte. Das Kollektiv entschärft Einzelkonflikte zum Wohle aller.

Es herrschen im Lager also durchaus keine chaotischen Umstände. Das Lagerleben ist durch diese Regeln strukturierter, als man annimmt.

Es offenbaren sich aber noch weitere Analogien zur freien Gesellschaft außerhalb des Lagers. Es werden, trotz dem erzwungenen Zusammenleben, das heißt der oben beschriebenen Gleichheit als Ausgangspunkt, auch einzelne Personen ausgegrenzt. Das sind vor allem Edelleute, Polen oder Personen, die gegen die Lagerregeln verstoßen. Es gibt also auch eine Gruppenidentität, der manche Häftlinge nicht von Beginn zugeordnet werden.

Alles in allem scheint aber das Gleichheitsgefühl, oder besser das Untergehen des Einzelnen in einer Masse, zu überwiegen. Denn durch die Zwangsintimität, in welche der Häftling durch den Eintritt in das Gefängnis versetzt wird, entzieht man ihm auch ein hohes Maß an Individualität.

Individualität entsteht durch Abgrenzung gegenüber anderen. Die Möglichkeit der Abgrenzung wird dem Sträfling versagt. Einmal weil die Dichte an Personen ein Alleinsein nicht zu Stande kommen lässt und andererseits, weil alle Häftlinge dasselbe Essen, dieselben Kleidungsstücke, Seife etc. bekommen.

Deshalb ist das höchste Gut des Häftlings dieser eine Tag in „Freiheit“, wozu ihm sein in Privatarbeit verdientes Geld verhilft. Es wird beschrieben, dass sich die Häftlinge an diesem Tag für einige Stunden extravagante Klamotten anziehen, sich eine besondere Mahlzeit kochen lassen und genüsslich betrunken durch das ganze Lager schwanken.

Dieser Tag ist die einzige Privatsphäre, die sich der Häftling erarbeiten kann. Es ist das alleinige Genießen eines Tages, eines besonderen Kleidungsstückes, einer persönlich Mahlzeit und das Alleinsein in seiner Betrunkenheit, mit dem er sich für wenige Stunden von der Masse abhebt und für kurze Zeit eine „eigene“ Identität erwirbt.

Dieser Tag stellt die Belohnung für die Zwangsarbeit und die Privatarbeit dar und sorgt für Abwechslung vom Lageralltag und Abstand zu den anderen Häftlingen. Er schafft die Motivation für das Funktionieren des inneren Systems und sorgt dafür, dass die Arbeiter den Alltag überleben, indem er dem Leben der Sträflinge einen Sinn verleiht.

3. Juli 2007

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