Der folgende Brief wurde gestern Abend an Frau Schwarzer verschickt und antwortet auf ihre unangebrachte Reaktion
>>> (Zeitmagazin Nr. 12/09) auf einen sehr angebrachten Artikel im
Zeitmagazin >>> (Nr. 08/09).
Vielleicht erfolgt ja eine Reaktion, hier aber zunächst der Brief:
Sehr geehrte Frau Schwarzer,
den vielen Dankesrufen in der Fanpost aus Ihrer treuen Gemeinde kann ich mich leider nicht bedingungslos anschließen, denn ich denke, dass die Abtreibungsdebatte in der Neuauflage 2009 keine feministische Debatte mehr ist. Ich hätte von Ihnen erwartet, dass Sie eine postfeministische Modernisierung des Denkens vollzogen haben und nun den Bedürfnissen des Schwächeren unabhängig der Geschlechter nachgehen würden.
Mein Problem an Ihrer Argumentation ist, dass Sie einerseits verständlich ist, denn die Selbstbestimmung der Frau ist einer der beiden Grundpfeiler einer modernen Welt, aber andererseits bietet mir gerade der Bereich des Schwangerschaftsabbruchs nicht den Rahmen für eine Genderkriegsführung. Die Abtreibung ist, wie Sie selbst sagen, „Privatsache“ und wenn nun einige wenige Männer ihre privaten Gefühle offenbaren, dann sollte dies nicht ausgenutzt werden, um damit genderpolitische Stimmung zu machen. Weder vom Staat noch den Religionen und auch nicht von Ihnen, Frau Schwarzer.
Sie schreiben sehr polemisch, die Intention des Autors sei zu suggerieren, dass „der Erzeuger sich in einer vergleichbaren Lage“ befände als die schwangere Frau. Damit wird Ihr Missverständnis und die fehlende Bereitschaft den Text im Sinne der Emanzipation zu verstehen offenkundig. Denn es steht doch keine Gleichmacherei zur Debatte.
Der Mann ist nicht in derselben Situation, das gerade will der Artikel aufzeigen. Der Text will d i e Situation des Mannes darstellen und klammert daher notwendigerweise die Frau aus. Deswegen ist Ihr Vorwurf der Einseitigkeit zwar richtig, aber unangebracht, weil es nicht um das Phänomen Abtreibung geht, sondern um das Erleben einer Abtreibung aus Sicht des Mannes.
Und wenn ich das noch anschließen darf: Ihr Bemühen ist doch ebenso einseitig und deswegen auch auf Dauer immer weniger fruchtbar. Denn es Bedarf im Jahr 2009 nicht mehr einer Verteufelung des Mannes, sondern einer Rollendefinition beider Geschlechter und dafür müssen Mann und Frau ins Gespräch kommen, als selbstbewusste Individuen.
Wenn wir uns weiterhin den schwarzen Peter oder die schwarze Petra wechselseitig zuschieben, dann beschäftigen wir uns mit dem Ausbau eines Spielregelkatalogs, werden dadurch aber nicht gleichberechtigter. Denn im Spiel muss es immer einen Verlierer und einen Gewinner geben. Warum legen wir nicht die Karten zur Seite und bezeugen froh über den Fortschritt, dass wir gleichberechtigt
s i n d.
Sie sagen nun: weil dem nicht so ist. Ich sage: richtig, aber durch Vorwürfe, wie im nächsten Absatz besprochen, gelangen wir nicht ans Ziel.
Denn es grenzt an Revanchismus, wie ich finde, wenn Sie anhand von Beispielen alleingelassener Frauen aus den 70er Jahren den Männern vorwerfen, ihnen seien Frau und Kind ohnehin egal, außer wenn sie über sie herrschen könnten. Zudem ist Ihr Nazivergleich indiskutabel und weist wiederum darauf hin, dass Ihr Denken den Siebzigern verhaftet geblieben ist. Diese zehn Männer, die Schwäche zeigen, indem sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und ihre Emotionen offenbaren, mit dem Repressionsapparat der Nazis in Verbindung zu bringen, ist für mich ein Unding.
Diese Form von Diskussionskultur stieß vielleicht in den 70er Jahren auf Beifall, heute wirkt das nur noch grotesk und entzieht Ihnen Ihre argumentative Schlagkraft. Der heutige Mann ist nicht mehr das Feindbild, das Sie vor 30 Jahren völlig zurecht vom Thron gestoßen haben.
Kommen wir zum Mittelpunkt der Debatte zurück: Die Elternschaft betrifft in irgendeiner Form immer zwei Menschen. Wieso soll sich das bei der Entscheidungsfindung des Für und Wider einer Schwangerschaft plötzlich in eine singuläre Angelegenheit aufspalten. Der Bauch gehört der Frau, das ist richtig und sie hat die letzte Entscheidung, was auch völlig richtig ist und von der Gesetzgebung auch in dieser Form geregelt ist. Sie klagen also einen Zustand ein, der schon längst besteht.
Dass, wie Ihr Titel besagt, „niemals Zwang“ ausgeübt werden sollte, trifft auf meine Zustimmung. Doch heißt das, der Vater darf keine Meinung besitzen? Die Phase der Entscheidung ist eine höchst emotionale, in der Frau und Mann, wenn sie konträrer Meinung sind, was vorkommen darf, in einem extremen Spannungsverhältnis leben. Spricht der Mann sich für das Kind aus, heißt das nicht, dass er die Frau unterdrückt. Er hat doch auch ein Recht auf Kinder oder zumindest darauf, seine Meinung zu äußern oder nicht mal das, der Mann muss doch zumindest unter der Entscheidung der Frau leiden dürfen.
Was Sie fordern, das sind unmündige Männer, die bedingungslos dem Willen der Frau folgen und entweder ohne Murren eine Abtreibung hinnehmen sollen oder im anderen Fall fehlerlose Überväter sein müssen. Aber ist das Emanzipation? Eine Frau kann juristisch sowie gesellschaftlich die Frage der Abtreibung völlig bedenkenlos über den Kopf des Mannes hinweg entscheiden. Der Mann ist tatsächlich ohnmächtig. Da sollten dem Mann wenigstens seine Gefühle nicht verboten werden.
Was das ZEIT-Magazin gemacht hat, das ist, diesen Männern, von denen sich tatsächlich wenige finden, aber nicht, wie Sie behaupten, weil es außer den zehn Männern in Deutschland keine gäbe, denen die Abtreibung zu schaffen macht, eine Stimme zu geben. Damit war keine Forderung verbunden. Es war nur eine Darstellung der anderen Seite der Medaille. Eine Erkenntnislücke wurde geschlossen und nicht wie sie es darstellen, die Frau diffamiert. Nun wissen wir: Bei einer Abtreibung gibt es drei Verlierer: erstens das Kind, zweitens die Frau und drittens den Mann.
Die Abtreibung taugt nicht als Nährboden einer Genderpositionierung, weil sie in Wirklichkeit eher eine sehr verzweifelte, harte und schmerzvolle Entscheidung ist und alle drei Leben, die daran beteiligt sind, sich dadurch verändern. Es geht nicht um Freiheit, sondern um Verzweiflung. Dies Erzählen die Geschichten der Männer und es würde mich freuen, anstatt der jetzigen Debatte auch noch Geschichten von Frauen zu hören, die ein Leben danach schildern. Da diese Form von Auseinandersetzung den Betroffenen, ob sie nun gerade in der Entscheidungsfindung stecken oder sich im Aufarbeiten befinden, wirklich etwas brächte. Alles andere ist die Politisierung des Leids.
Vielleicht reibe ich mich nur an Ihrer Reaktion, weil ich wesentlich jünger bin und einer Generation Mann angehöre, die nicht mehr in patriarchalen Kategorien denkt. Die ihre Frauen schätzt für ihre Intelligenz, ihr Selbstbewusstsein, ihre Stärke und sich gerne weibliche Vorbilder nimmt. Vielleicht befremdet es mich deswegen, weil ich denke, dass wahre Gleichberechtigung eben nur in letzter Konsequenz funktioniert, wenn sie nicht mehr infiltriert wird, sondern einfach selbstbewusst gelebt wird, so wie das die Frauen meiner Generation praktizieren.
Es wäre nun angebracht, Sie setzten sich einmal mit dem Mann 2000 auseinander, anstatt aus dem historischen Sumpf die Negativbeispiele heranzuziehen, um damit die positiven, wohlgemerkt von Ihnen angestoßenen, Entwicklungen zu schmälern. Machen Sie es den Frauen meiner Generation nach und wagen Sie mehr Selbstbewusstsein ohne den Mann als Referenzpunkt, liebe Frau Schwarzer!
penseroso - 17. Mär, 19:05