Donnerstag, 19. März 2009

Kollektives Schweigen

Es mutet schon ein wenig zynisch an, wenn, wie gestern vielerorts geschehen, aus dem medialen Trommelfeuer plötzlich das laizistische Gebet angestimmt wird und man für eine Minute den Ohren nicht trauen will. So schön klingt die Stille.
Trotz dieses schönen Effekts, fragt man sich: Sind Schweigeminuten wirklich notwendig? Ist dies wirklich eine Form des Kondolierens, eine Demonstration gegen den Tod oder das Böse? Und muss es tatsächlich kollektiv begangen werden als eine Art des Aufgehens in der communio - nur, in säkularisierter Form und aus gegebenem Anlass?

Die absurde Situation, in der eine Schweigeminute uns gefangen hält, ist doch immer wieder verblüffend. Darin einen Solidaritätsausdruck zu erkennen, das fällt schwer. Man steht betont ernsthaft und konzentriert da, als hinge der Weltfrieden vom Gesichtsausdruck ab. Irgendwie kämpft man meist gegen das Grinsen an, weil die aufgezwungene tragische Geste eine unwiderstehliche Komik erzeugt. Ein großes Schauspiel, ohne Frage, aber notwendig?

Es geht natürlich um Effekthascherei im positiven wie im negativen Sinne. Im Schweigen als einem Akt der Solidarität soll das Mitgefühl ausgedrückt werden. Allerdings fragt man sich, wäre es nicht solidarischer und einfühlender gewesen, anstatt der Bündelung des Schweigens auf einen einminütigen Moment hin, in der vergangenen Woche weniger über die Betroffenen zu reden, anstatt einmal für sie zu schweigen.

Ein dezenteres dafür aber häufigeres Schweigen wäre angebrachter gewesen!

Dienstag, 17. März 2009

Ärgerliche Alice Schwarzer

Der folgende Brief wurde gestern Abend an Frau Schwarzer verschickt und antwortet auf ihre unangebrachte Reaktion >>> (Zeitmagazin Nr. 12/09) auf einen sehr angebrachten Artikel im Zeitmagazin >>> (Nr. 08/09).

Vielleicht erfolgt ja eine Reaktion, hier aber zunächst der Brief:

Sehr geehrte Frau Schwarzer,

den vielen Dankesrufen in der Fanpost aus Ihrer treuen Gemeinde kann ich mich leider nicht bedingungslos anschließen, denn ich denke, dass die Abtreibungsdebatte in der Neuauflage 2009 keine feministische Debatte mehr ist. Ich hätte von Ihnen erwartet, dass Sie eine postfeministische Modernisierung des Denkens vollzogen haben und nun den Bedürfnissen des Schwächeren unabhängig der Geschlechter nachgehen würden.

Mein Problem an Ihrer Argumentation ist, dass Sie einerseits verständlich ist, denn die Selbstbestimmung der Frau ist einer der beiden Grundpfeiler einer modernen Welt, aber andererseits bietet mir gerade der Bereich des Schwangerschaftsabbruchs nicht den Rahmen für eine Genderkriegsführung. Die Abtreibung ist, wie Sie selbst sagen, „Privatsache“ und wenn nun einige wenige Männer ihre privaten Gefühle offenbaren, dann sollte dies nicht ausgenutzt werden, um damit genderpolitische Stimmung zu machen. Weder vom Staat noch den Religionen und auch nicht von Ihnen, Frau Schwarzer.

Sie schreiben sehr polemisch, die Intention des Autors sei zu suggerieren, dass „der Erzeuger sich in einer vergleichbaren Lage“ befände als die schwangere Frau. Damit wird Ihr Missverständnis und die fehlende Bereitschaft den Text im Sinne der Emanzipation zu verstehen offenkundig. Denn es steht doch keine Gleichmacherei zur Debatte.

Der Mann ist nicht in derselben Situation, das gerade will der Artikel aufzeigen. Der Text will d i e Situation des Mannes darstellen und klammert daher notwendigerweise die Frau aus. Deswegen ist Ihr Vorwurf der Einseitigkeit zwar richtig, aber unangebracht, weil es nicht um das Phänomen Abtreibung geht, sondern um das Erleben einer Abtreibung aus Sicht des Mannes.
Und wenn ich das noch anschließen darf: Ihr Bemühen ist doch ebenso einseitig und deswegen auch auf Dauer immer weniger fruchtbar. Denn es Bedarf im Jahr 2009 nicht mehr einer Verteufelung des Mannes, sondern einer Rollendefinition beider Geschlechter und dafür müssen Mann und Frau ins Gespräch kommen, als selbstbewusste Individuen.

Wenn wir uns weiterhin den schwarzen Peter oder die schwarze Petra wechselseitig zuschieben, dann beschäftigen wir uns mit dem Ausbau eines Spielregelkatalogs, werden dadurch aber nicht gleichberechtigter. Denn im Spiel muss es immer einen Verlierer und einen Gewinner geben. Warum legen wir nicht die Karten zur Seite und bezeugen froh über den Fortschritt, dass wir gleichberechtigt
s i n d.
Sie sagen nun: weil dem nicht so ist. Ich sage: richtig, aber durch Vorwürfe, wie im nächsten Absatz besprochen, gelangen wir nicht ans Ziel.

Denn es grenzt an Revanchismus, wie ich finde, wenn Sie anhand von Beispielen alleingelassener Frauen aus den 70er Jahren den Männern vorwerfen, ihnen seien Frau und Kind ohnehin egal, außer wenn sie über sie herrschen könnten. Zudem ist Ihr Nazivergleich indiskutabel und weist wiederum darauf hin, dass Ihr Denken den Siebzigern verhaftet geblieben ist. Diese zehn Männer, die Schwäche zeigen, indem sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und ihre Emotionen offenbaren, mit dem Repressionsapparat der Nazis in Verbindung zu bringen, ist für mich ein Unding.
Diese Form von Diskussionskultur stieß vielleicht in den 70er Jahren auf Beifall, heute wirkt das nur noch grotesk und entzieht Ihnen Ihre argumentative Schlagkraft. Der heutige Mann ist nicht mehr das Feindbild, das Sie vor 30 Jahren völlig zurecht vom Thron gestoßen haben.

Kommen wir zum Mittelpunkt der Debatte zurück: Die Elternschaft betrifft in irgendeiner Form immer zwei Menschen. Wieso soll sich das bei der Entscheidungsfindung des Für und Wider einer Schwangerschaft plötzlich in eine singuläre Angelegenheit aufspalten. Der Bauch gehört der Frau, das ist richtig und sie hat die letzte Entscheidung, was auch völlig richtig ist und von der Gesetzgebung auch in dieser Form geregelt ist. Sie klagen also einen Zustand ein, der schon längst besteht.

Dass, wie Ihr Titel besagt, „niemals Zwang“ ausgeübt werden sollte, trifft auf meine Zustimmung. Doch heißt das, der Vater darf keine Meinung besitzen? Die Phase der Entscheidung ist eine höchst emotionale, in der Frau und Mann, wenn sie konträrer Meinung sind, was vorkommen darf, in einem extremen Spannungsverhältnis leben. Spricht der Mann sich für das Kind aus, heißt das nicht, dass er die Frau unterdrückt. Er hat doch auch ein Recht auf Kinder oder zumindest darauf, seine Meinung zu äußern oder nicht mal das, der Mann muss doch zumindest unter der Entscheidung der Frau leiden dürfen.

Was Sie fordern, das sind unmündige Männer, die bedingungslos dem Willen der Frau folgen und entweder ohne Murren eine Abtreibung hinnehmen sollen oder im anderen Fall fehlerlose Überväter sein müssen. Aber ist das Emanzipation? Eine Frau kann juristisch sowie gesellschaftlich die Frage der Abtreibung völlig bedenkenlos über den Kopf des Mannes hinweg entscheiden. Der Mann ist tatsächlich ohnmächtig. Da sollten dem Mann wenigstens seine Gefühle nicht verboten werden.

Was das ZEIT-Magazin gemacht hat, das ist, diesen Männern, von denen sich tatsächlich wenige finden, aber nicht, wie Sie behaupten, weil es außer den zehn Männern in Deutschland keine gäbe, denen die Abtreibung zu schaffen macht, eine Stimme zu geben. Damit war keine Forderung verbunden. Es war nur eine Darstellung der anderen Seite der Medaille. Eine Erkenntnislücke wurde geschlossen und nicht wie sie es darstellen, die Frau diffamiert. Nun wissen wir: Bei einer Abtreibung gibt es drei Verlierer: erstens das Kind, zweitens die Frau und drittens den Mann.

Die Abtreibung taugt nicht als Nährboden einer Genderpositionierung, weil sie in Wirklichkeit eher eine sehr verzweifelte, harte und schmerzvolle Entscheidung ist und alle drei Leben, die daran beteiligt sind, sich dadurch verändern. Es geht nicht um Freiheit, sondern um Verzweiflung. Dies Erzählen die Geschichten der Männer und es würde mich freuen, anstatt der jetzigen Debatte auch noch Geschichten von Frauen zu hören, die ein Leben danach schildern. Da diese Form von Auseinandersetzung den Betroffenen, ob sie nun gerade in der Entscheidungsfindung stecken oder sich im Aufarbeiten befinden, wirklich etwas brächte. Alles andere ist die Politisierung des Leids.

Vielleicht reibe ich mich nur an Ihrer Reaktion, weil ich wesentlich jünger bin und einer Generation Mann angehöre, die nicht mehr in patriarchalen Kategorien denkt. Die ihre Frauen schätzt für ihre Intelligenz, ihr Selbstbewusstsein, ihre Stärke und sich gerne weibliche Vorbilder nimmt. Vielleicht befremdet es mich deswegen, weil ich denke, dass wahre Gleichberechtigung eben nur in letzter Konsequenz funktioniert, wenn sie nicht mehr infiltriert wird, sondern einfach selbstbewusst gelebt wird, so wie das die Frauen meiner Generation praktizieren.

Es wäre nun angebracht, Sie setzten sich einmal mit dem Mann 2000 auseinander, anstatt aus dem historischen Sumpf die Negativbeispiele heranzuziehen, um damit die positiven, wohlgemerkt von Ihnen angestoßenen, Entwicklungen zu schmälern. Machen Sie es den Frauen meiner Generation nach und wagen Sie mehr Selbstbewusstsein ohne den Mann als Referenzpunkt, liebe Frau Schwarzer!

Wie viel Egoismus ist erlaubt?

Es ist wirklich bemerkenswert, wie der Stress aus dem Morast aufsteigend von den Zehenspitzen an langsam an mir emporschleicht. Zeit verfließt und spült Gelassenheit hinfort. Dabei habe ich noch genügend Zeit bis zum Ende der Frist. Bis ich das Werk vorlegen muss. Bis ich befreit bin.

Das Problem besteht eher darin, dass sich in meinem Umfeld gerade zu viele meiner mir nahestehenden Menschen in einer wirklich ernstzunehmenden Krise befinden. Nicht finanziell. Psychisch.

Mich selbst bekäme ich ohne Probleme diszipliniert, ich denke sogar, die Arbeit wäre schon geschrieben, wenn ich nicht permanent Gedankenmüll anderer Leute forttragen müsste und mal hier einspringen und mal dort. Wie radikal darf man sich also abwenden, wenn liebe Menschen wirklich Hilfe benötigen, aber man das Gefühl hat, selbst nicht mehr voranzukommen?

Montag, 16. März 2009

zustände

zustände gibt es. heute besonders.
wach und doch nicht wach. abwarten und gespannt sein
stehen gegen desinteresse und das wissen darum,
was die antwort sein wird.
dann wieder der arbeitsdrang. los.
verpufft im ansatz. trotzdem kein nichtstun.
denken
die struktur kommt über nacht. tausendmal erlebt.
dennoch kein vertrauen in den prozess.
erzwingen wollen, was nicht erzwingbar ist
jetzt.
nein
doch
und beständig die frage, warum
das leben sich nicht
an unsere vorstellungen hält.

Montag, 22. Dezember 2008

Nicht der Liebe wert -„Das schöne Mädchen“ von Christophe Honoré

Von Gewöhnlichkeit kann in „Das schöne Mädchen“ (Originaltitel: >>> "La belle personne<")/b> von >>> Christophe Honoré nicht die Rede sein. Der Film beginnt mit dem ersten Schultag der schönen Junie ( >>> Léa Sedoux), die nach dem Tod ihrer Mutter in einen anderen Stadtteil von Paris gezogen ist. Sie wohnt nun bei Verwandten und geht mit dem gleichaltrigen Cousin Matthias ( >>> Esteban Carjaval Alegria) in eine Klasse.

Mit dem ersten Glockenklingeln steht die zauberhafte Junie sogleich im Mittelpunkt der neuen Umgebung. Das zerbrechliche in sich gekehrte blasse Mädchen besitzt eine Anziehungskraft, die das bestehende Beziehungsgeflecht der sechzehnjährigen Schüler und deren Lehrer - die allesamt aussehen, als seien sie den Strokes beim Kleidungskauf und Friseurbesuch über den Weg gelaufen - ins Wanken bringt.

Die zarte Schönheit Junie scheint diejenige zu sein, auf die hier alle gewartet haben. Und so wird sie, von ihrem Cousin in die Gesellschaft eingeführt, auch gleich von dessen Freunden vereinnahmt. Das bedeutet, Junie ist von Beginn an Teil des Geflechts aus Liebesbeziehungen, Intrigen, erfüllten und unerfüllten Begierden, ohne dass sie sich darum bemüht hätte. Otto ( >>> Grégoire Leprince-Ringuet), mit dem sie am zweiten Tag eine Liaison eingeht, nimmt sie aber das Versprechen ab, er solle sie, wenn er sie lieben wolle, „auf ewig beschützen.“ Junie sucht Schutz und Halt in ihrer neuen Umgebung, nicht Liebe und Verrat.

Die im Film dargestellte Realität wirkt märchenhaft oder phantastisch. Man könnte Honoré polemisch vorwerfen, er würde ein Bild einer französischen Schule malen, was einem Wunschbild der Franzosen von ihren Schulen entspricht. Denn die Sechzehnjährigen sind überdurchschnittlich intelligent, verfügen über einen kritisch-philosophischen Geist und wirken dem materialistischen Wettbewerb deutscher Gleichaltriger überhoben.
Jedoch schafft der Regisseur und Drehbuchautor Honoré innerhalb des Schulzauns ein eigenes abgeschlossenes Universum, das zwar in der heutigen Zeit angesiedelt ist, aber außer den modischen Accessoires, wenig mit dem französischen Alltag zu tun hat. Es ist eine Kunstwelt, in der das Ästhetische vor dem Realen steht und man kann darin, wenn man möchte, eine Utopie der Schule im 21. Jahrhundert entdecken.

Die Liebe ist die Hauptfigur des Films. Ihr Scheitern wird im Film in melancholischen Bildern durchdekliniert. Die Liebe ist letztlich immer Verrat, weil sie, so Junie, "niemals ewig ist". Sie ist ein flüchtiger Gast und wer sich ihr hingibt, der vollzieht an sich Selbstbetrug. Junie setzt dem System der Intrigen, ihre nüchterne klare Ehrlichkeit entgegen. Sie will nicht lügen und sie will nicht lieben, weil sie weiß, dass alles nur eine Lüge ist. Würde man nicht wissen, dass der Film auf dem französischen Literaturklassiker aus dem 17. Jahrhundert >>> „Die Prinzessin von Clèves“ von >>> Madame de La Fayette basiert, könnte man annehmen, dass der Film die desillusionierte Sicht einer zu Jugendlichen herangewachsenen Generation von Scheidungskindern aufzeigt. Vielleicht aber ist es genau das, was den Roman und den Film verbindet: der realistische, sich dem Romantischen verweigernde Umgang mit der Liebe, den Honoré hier aus dem 17. Jahrhundert ins Hollywoodzeitalter überträgt ganz nach dem Motto von >>>La Rochefoucauld: „Es gibt gute Ehen, aber es gibt keine wonnevollen.“

Junie entzieht sich diesem Lügenspiel, indem sie die bedingungslose, totalitäre Liebe nicht zulässt. Sie verschließt sich ihr, obwohl sie für ihren Lehrer Nemours ( >>> Louis Garrel) das große Gefühl empfindet. Da sie aber „mindestens schon zwei Frauen begegnet ist“, die er mal liebte und dann wieder verlassen hat, zwingt sie sich zur Distanz.
Die Auswirkung dieser Gespaltenheit zwischen Begierde und rationaler Verweigerung wird an Otto, Junies Freund, offenbar gemacht. In ihrer „transparenten Art“ schildert sie ihm, dass sie sich zu einem anderen hingezogen fühlt, dieses Gefühl aber nicht zulassen wird und deswegen für lange Zeit weit weggehen möchte. Otto zerbrich daran und begeht Selbstmord, weil er erkennt, dass Junies Liebe auch keine dauerhafte ist. Sie den anderen Liebenden also gleich ist, obwohl sie anders sein will.

Der Film endet dramatisch und vollzieht radikal Junies Grundannahme, dass die Liebe eine gefährliche, schmerzhafte Erfahrung ist, derer sich das schöne Mädchen nicht gewachsen fühlt. Sie flüchtet nach Ottos Tod, ironischerweise der Mann, der sie „für immer lieben wird“, vor Nemour und ihren eigenen Gefühlen. Die letzte Szene zeigt das weinende Mädchen auf einer Fähre. Sie hat ihre Mutter verloren, den Liebhaber, den potenziellen Geliebten und das Einzige, was ihr der kurze Ausflug in die Schule mitgegeben hat, ist die Bestätigung, die bedingungslose Liebe sei eine gefährliche scheiternde Sache. Eine melancholische Kreisbewegung endet damit an ihrem Ausgangspunkt.

Trailer: >>> La belle Personne

>>> film

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