Montag, 22. Dezember 2008

Nicht der Liebe wert -„Das schöne Mädchen“ von Christophe Honoré

Von Gewöhnlichkeit kann in „Das schöne Mädchen“ (Originaltitel: >>> "La belle personne<")/b> von >>> Christophe Honoré nicht die Rede sein. Der Film beginnt mit dem ersten Schultag der schönen Junie ( >>> Léa Sedoux), die nach dem Tod ihrer Mutter in einen anderen Stadtteil von Paris gezogen ist. Sie wohnt nun bei Verwandten und geht mit dem gleichaltrigen Cousin Matthias ( >>> Esteban Carjaval Alegria) in eine Klasse.

Mit dem ersten Glockenklingeln steht die zauberhafte Junie sogleich im Mittelpunkt der neuen Umgebung. Das zerbrechliche in sich gekehrte blasse Mädchen besitzt eine Anziehungskraft, die das bestehende Beziehungsgeflecht der sechzehnjährigen Schüler und deren Lehrer - die allesamt aussehen, als seien sie den Strokes beim Kleidungskauf und Friseurbesuch über den Weg gelaufen - ins Wanken bringt.

Die zarte Schönheit Junie scheint diejenige zu sein, auf die hier alle gewartet haben. Und so wird sie, von ihrem Cousin in die Gesellschaft eingeführt, auch gleich von dessen Freunden vereinnahmt. Das bedeutet, Junie ist von Beginn an Teil des Geflechts aus Liebesbeziehungen, Intrigen, erfüllten und unerfüllten Begierden, ohne dass sie sich darum bemüht hätte. Otto ( >>> Grégoire Leprince-Ringuet), mit dem sie am zweiten Tag eine Liaison eingeht, nimmt sie aber das Versprechen ab, er solle sie, wenn er sie lieben wolle, „auf ewig beschützen.“ Junie sucht Schutz und Halt in ihrer neuen Umgebung, nicht Liebe und Verrat.

Die im Film dargestellte Realität wirkt märchenhaft oder phantastisch. Man könnte Honoré polemisch vorwerfen, er würde ein Bild einer französischen Schule malen, was einem Wunschbild der Franzosen von ihren Schulen entspricht. Denn die Sechzehnjährigen sind überdurchschnittlich intelligent, verfügen über einen kritisch-philosophischen Geist und wirken dem materialistischen Wettbewerb deutscher Gleichaltriger überhoben.
Jedoch schafft der Regisseur und Drehbuchautor Honoré innerhalb des Schulzauns ein eigenes abgeschlossenes Universum, das zwar in der heutigen Zeit angesiedelt ist, aber außer den modischen Accessoires, wenig mit dem französischen Alltag zu tun hat. Es ist eine Kunstwelt, in der das Ästhetische vor dem Realen steht und man kann darin, wenn man möchte, eine Utopie der Schule im 21. Jahrhundert entdecken.

Die Liebe ist die Hauptfigur des Films. Ihr Scheitern wird im Film in melancholischen Bildern durchdekliniert. Die Liebe ist letztlich immer Verrat, weil sie, so Junie, "niemals ewig ist". Sie ist ein flüchtiger Gast und wer sich ihr hingibt, der vollzieht an sich Selbstbetrug. Junie setzt dem System der Intrigen, ihre nüchterne klare Ehrlichkeit entgegen. Sie will nicht lügen und sie will nicht lieben, weil sie weiß, dass alles nur eine Lüge ist. Würde man nicht wissen, dass der Film auf dem französischen Literaturklassiker aus dem 17. Jahrhundert >>> „Die Prinzessin von Clèves“ von >>> Madame de La Fayette basiert, könnte man annehmen, dass der Film die desillusionierte Sicht einer zu Jugendlichen herangewachsenen Generation von Scheidungskindern aufzeigt. Vielleicht aber ist es genau das, was den Roman und den Film verbindet: der realistische, sich dem Romantischen verweigernde Umgang mit der Liebe, den Honoré hier aus dem 17. Jahrhundert ins Hollywoodzeitalter überträgt ganz nach dem Motto von >>>La Rochefoucauld: „Es gibt gute Ehen, aber es gibt keine wonnevollen.“

Junie entzieht sich diesem Lügenspiel, indem sie die bedingungslose, totalitäre Liebe nicht zulässt. Sie verschließt sich ihr, obwohl sie für ihren Lehrer Nemours ( >>> Louis Garrel) das große Gefühl empfindet. Da sie aber „mindestens schon zwei Frauen begegnet ist“, die er mal liebte und dann wieder verlassen hat, zwingt sie sich zur Distanz.
Die Auswirkung dieser Gespaltenheit zwischen Begierde und rationaler Verweigerung wird an Otto, Junies Freund, offenbar gemacht. In ihrer „transparenten Art“ schildert sie ihm, dass sie sich zu einem anderen hingezogen fühlt, dieses Gefühl aber nicht zulassen wird und deswegen für lange Zeit weit weggehen möchte. Otto zerbrich daran und begeht Selbstmord, weil er erkennt, dass Junies Liebe auch keine dauerhafte ist. Sie den anderen Liebenden also gleich ist, obwohl sie anders sein will.

Der Film endet dramatisch und vollzieht radikal Junies Grundannahme, dass die Liebe eine gefährliche, schmerzhafte Erfahrung ist, derer sich das schöne Mädchen nicht gewachsen fühlt. Sie flüchtet nach Ottos Tod, ironischerweise der Mann, der sie „für immer lieben wird“, vor Nemour und ihren eigenen Gefühlen. Die letzte Szene zeigt das weinende Mädchen auf einer Fähre. Sie hat ihre Mutter verloren, den Liebhaber, den potenziellen Geliebten und das Einzige, was ihr der kurze Ausflug in die Schule mitgegeben hat, ist die Bestätigung, die bedingungslose Liebe sei eine gefährliche scheiternde Sache. Eine melancholische Kreisbewegung endet damit an ihrem Ausgangspunkt.

Trailer: >>> La belle Personne

>>> film

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