Mittwoch, 3. März 2010

Die fesselnde Qual Thomas Bernhard: Frost, Das Kalkwerk, Der Untergeher, Holzfällen, Wittgensteins Neffe, Der Keller, Amras

Mein erster Lesekontakt mit Thomas Bernhard war eine große Qual. Ich wusste nicht, was ich mit dem Geschriebenen anfangen sollte und noch weniger wusste ich, was das Geschriebene mit mir anfängt. Denn es schaffte nicht, mich zu verzaubern, aber es schaffte sehr wohl mich quälend zu fesseln, dass ich das Buch nicht zur Seite legen konnte, auch wenn ich es wollte. Woran liegt es, dass man Bernhard als Qual empfindet, das Lesen aber trotzdem nicht abbricht?

Vielleicht war es genau diese Frage, die mich weiter lesen ließ. Möglicherweise war ich auf der Suche nach einem Grund dafür, die Lektüre abbrechen zu können und verstrickte mich dabei immer mehr in das Weiterlesen.

Wenn man einen Roman in die Hand nimmt, dann wünscht man sich eine große Geschichte. Man möchte sich auf eine Reise begeben und eine ereignisreiche Handlung vor sich haben. Bei Bernhard passiert nichts, außer dass jemand im Ohrensessel rumlümmelt, Alkohol trinkt, sich zum Tisch begibt und am Ende auf die Strasse rennt. Das ist alles, was an Handlung vorkommt.

Alles andere sind meterhohe Gedankenkonstrukte, die der Protagonist uns aufzwingt, insbesondere seine ganz spezielle, alles verneinende Weltanschauung oder Wienanschauung. Diese subjektive Weltanschauung muss man nicht teilen, man könnte sie auch widerlegen, man könnte ihr ebenso Bravi zurufen oder darüber lächeln, auch anerkennend schmunzeln – eines kann man allerdings nicht – an Bernhards Gedankentürmen und Hasstiraden vorbeikommen, weil sie quälend lang und die Seiten der Romane füllen.

Natürlich habe ich die Romane nun auf das Einfachste herunter gebrochen und natürlich steckt in allem auch viel Erhellendes, aber ich rede noch immer von meinem ersten Lesekontakt und dazu muss ich sagen: man kann nicht immer sofort das Schöne in dem entdecken, was einen quält?

Der zweite Roman, den ich las, war Frost. Dabei steigerte sich die Qual ins Unermessliche, da ich in ihm dieselbe Methodik und Schreibweise erkannte wie in Holzfällen, auch wenn die Hauptfiguren hier für Bernhardsche Verhältnisse enorm viel unterwegs sind. Bernhard kreist immer wieder um einzelne Worte, die meist auch kursiv gedruckt sind und schickt den Leser auf eine hoch qualitative Sprach- und Gedankenreise.

Mein Interesse war geweckt und ich wollte wissen, ob wirklich jeder Roman im Aufbau und in der Methode, dem andern gleicht, weshalb ich schnell zum Kalkwerk griff. Und wieder fand ich das nun schon Gewohnte vor. Einerseits langweilte mich dieses Schreibkonzept und die fehlende Variation machte das Lesen auch weiterhin nicht zum Hochgenuss.

Doch immer wieder faszinierte mich an Bernhards Stil, die Art und Weise, wie er in mir Gefühle weckt und nicht selten, dachte ich, nun bin ich ihm aber wieder auf den Leim gegangen.
Das Schlüsselerlebnis war für mich die Antibeziehung des Ehepaares im Kalkwerk. Zunächst hasste ich Konrad dafür, wie er seine behinderte Frau zu Studienzwecken missbraucht, dann schlug der Hass um und richtete sich gegen seine Frau, die sich über ihn lustig macht und ihn bei jeder Gelegenheit zu nutzlosen Taten zwingt, wie schluckweise Most aus dem Keller zu holen. Am Ende richtete sich meine Aggression gegen das Ehepaar und ihr schreckliches Zusammenleben.

Solche Emotionen habe ich noch nie beim Lesen verspürt und sie sind der Grund, warum ich Bernhard weiter gelesen habe. Deshalb habe ich ihn nicht weggelegt, weil es mich interessiert hat, wie er in mir Emotionen wecken kann, obwohl ich sehr zurückhaltend an seine Bücher gegangen bin und er nicht zu meinen favorisierten Autoren gehört.

Darüber hinaus lernte ich seit der Bernhardlektüre eine neue Lesart. Um diese Lesart mit einem Begriff festzumachen, wähle ich dafür den Begriff: musikalisches Lesen.

Musikalisches Lesen bedeutet in Bezug auf Bernhards Prosa, dass man sie nicht wie andere Romane lesen kann, sondern dass man einen Bernhardtext wie ein klassisches Musikstück betrachten sollte. Ein Leitthema führt durch das Buch, dieses eingängige Thema erfährt Variationen und Wiederholungen, mal wird das Buch leise, mal laut, an manchen Stellen wird es langsam, an anderen wieder schnell. Das Buch sollte demnach nicht von vorne nach hinten gelesen werden, sondern von oben nach unten. Die verschiedenen Stimmen machen den Klang der Bernhardschen Prosa. Jede Erzählebene ist wichtig, weil die Romane diesen musikalischen Aufbau haben.

Diese musikalische Lesart fordert auch nicht in erster Linie, dass man die Texte bis in das kleinste Detail verstanden haben muss, sondern es kommt auf eben jene Emotionen an, die auch in der Musik die größte Rolle spielen. Man hört sich eine Sinfonie an, um etwas dabei zu fühlen und nicht um sie bis auf die allerkleinste Assonanz zu verstehen.

Bernhard lesen ist wie Musik hören. Wenn man etwas dabei fühlt, dann hat man schon viel verstanden.

(10.02.06)

Haftungsausschluss

der autor dieses webblogs erklärt hiermit, dass er vor linksetzungen den inhalt der zu verlinkenden seiten geprüft hat und auf diesen keine illegalen oder urheberrechtsverletzenden inhalte erkennbar waren. da der autor keinerlei einfluss auf die zukünftige gestaltung und inhalte der verlinkten seiten hat, distanziert er sich hiermit von jeglichen änderungen, die nach der linksetzung erfolgten.

Archiv

März 2010
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 

Credits


Außensicht
cinematographisch
Innensicht
postalisch
Textproduktion
Textrezeption
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren